Gott und Mensch: ein Gewebe von Geschichten, liturgisch erschlossen im rituellen Gottesdienst
Pliezhausen, 10. Juni 2026 – Am Dienstagabend, dem 9. Juni, fand im Gemeindehaus St. Franziskus ein inspirierender und gut besuchter Vortrag mit Prof. Dr. Stephan Winter statt.
Insgesamt 17 Personen kamen in den Franziskussaal, um den Abend mitzugestalten.
Die Veranstaltung wurde von Angela Madaus eröffnet. Sie berichtete, wie sie Prof. Dr. Winter kennenlernte, und betonte die Bedeutung des Themas für die zukünftige Gestaltung von Liturgie in der Gemeinde.
Dann ergriff Aleksei Volchkov, Referent für Engagemententwicklung der Seelsorgeeinheit, das Wort. In seiner Begrüßung stellte er den Workshop „Was tut mir so gut, dass ich es gerne auch anderen anbieten möchte?“ vor, aus dem diese Veranstaltung hervorgegangen ist.
Prof. Dr. Stephan Winter, Inhaber des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, hielt den Hauptvortrag zum Thema „Liturgie – Gott und Mensch, in Geschichten verstrickt“. Er zeigte Möglichkeiten einer „Kirche von unten“ auf und gab wertvolle Impulse, wie neue liturgische Formen theologisch verantwortet und praxisnah gestaltet werden können.

Der Vortrag endete mit einer lebendigen kleinen Diskussion, in der die Teilnehmer die Gelegenheit nutzten, Fragen zu stellen und mit dem Referenten ins Gespräch zu kommen.
Die Veranstaltung war ein gelungenes Beispiel für die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Universität Tübingen und der Kirchengemeinde vor Ort.
Weitere Abende dieser Art mit Wissenschaftlern aus Tübingen sind bereits in Planung.
Herzlichen Dank an Prof. Dr. Stephan Winter, an Angela Madaus für die Organisation und an alle Teilnehmer für den schönen und anregenden Abend!

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Was ist Liturgie?
Zunächst: Ihr Gegenstand ist der rituell vollzogene Gottesdienst in seinen vielfältigen Formen, welcher die religiöse Gemeinschaft stabililisiert, aber auch zur Selbstbildung der einzelnen Gläubigen beiträgt – eine griffige Formulierung, aber noch recht wenig konkret.
Die Liturgiewissenschft ist eine so genannte „Einleitungswissenschaft“. Sie untersucht und beschreibt die vielfältigen Formen liturgischer Praxis auf der Basis des Evangeliums als „Frohe Botschaft“.
Was das konkret bedeutet, machte Professor Winter am Beispiel des Markusevangeliums, das zwischen 65 und 75 n. Chr. entstanden ist, deutlich. Der Verfasser ist anonym, stammt aus Rom oder Syrien. Sein Evangelium betont den leidenden Messias als eine Verfolgungserfahrung auf dem Hintergrund des jüdischen Krieges gegen die Römer, der 70 n. Chr. mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels als dem bedeutendsten Kult-Raum sein Ende fand.
Das Markusevangelium hat mit dem Kapitel 16 einen merkwürdigen Schluss: Der Engel im leeren Grab klärt die Frauen auf (Jesus ist auferstanden) und gibt ihnen den Auftrag, nach Galiläa zurückzukehren und die Jünger und Petrus zu informieren. Daraufhin fliehen die Frauen voller Entsetzen, „denn sie fürchteten sich sehr.“

Was könnte dieses Zurückgehen an den Anfang, nach Galiläa, für unseren Gottesdienst bedeuten?
Vielleicht dies: Die Liturgie ist grundlegend geprägt vom Leiden und Sterben Jesu, der sich mit allen Leidenden solidarisiert hat.
Diesem Jesus müssen wir uns immer wieder neu zuwenden, auf dieser Spur müssen wir weitergehen.
Nach dieser Einführung beschäftigten sich die Anwesenden in kleinen Arbeitsgruppen mit drei Schlüssel-Stellen aus dem Markusevangelium, das als ältestes Evangelium „prioritär“, also grundlegend ist für die weiteren „synoptischen“ (von Matthäus und Lukas) Evangelien:
- Die Perikope von der Taufe Jesu am Jordan (1,9-11) ist der Anfang des Evangeliums von Jesus als Gottes Sohn und wird erzählt aus der Wahrnehmung des Ereignisses durch Jesus.
- Im Ereignis der Verklärung Jesu (9,2-8) sind verschiedene Personen miteinander verstrickt (Petrus, Jakobus, Johannes, Elija, Mose)
- und die Kreuzigungs-Szene (15,33-41) weitet das Geschehen mit Jesus aus. Der heidnische Hauptmann bekennt: „Dieser Mensch war Gottes Sohn.“ Und der Vorhang des Tempels wurde „gespalten“.
Herr Winter erläuterte die Symbolik näher. Der Vorhang des Tempels war mit den Farben des Kosmos ein Himmelssymbol; er trennte Himmel und Erde. Das Wort „spalten“ taucht im Markusevangelium nur zweimal auf, bei der Taufe Jesu und in der Kreuzigungsszene, wo es die beiden Wörter „verhauchte“ miteinander verbindet.* Die „Spaltung“ wird liturgisch „umgelegt“, wie Herr Winter formulierte: Mit dem christlichen Gottesdienst ist ein neuer Bezugsort entstanden. Himmel und Erde verbinden sich, was paradigmatisch in der Struktur der Osternacht als Lobpreis der Kirche (Exsultet!) zum Ausdruck kommt.

Die Fragen, die sich uns heute stellen, lauten: Wie können wir in die liturgischen Handlungen mithineingenommen werden, wie können die Sakramente pastoral mit Leben gefüllt werden?
Und die Gemeinschaft muss sich immer wieder vergewissern: Was ist eigentlich der rote Faden in unserem Glaubensleben? Welche liturgischen Erfahrungsräume (Stichwort: Agapefeier) können geöffnet werden? In der Vielfalt der liturgischen Formen müssen jedoch, wie Herr Winter betonte, die „Dynamik“ und der qualitative – auch ästhetische – Anspruch von Jesu Botschaft erhalten bleiben.
Und ja: Letztlich ist auch die Leitungsfrage zu klären. Aber das ist ein weites Feld! Und so schloss sich den abschließenden Worten von Herrn Winter noch eine lebhafte Diskussion an.

Text: Angela Madaus, Aleksei Volchkov
Fotos: Aleksei Volchkov

