Rund 170 Menschen kamen am 10.11.19 in die Sankt-Andreas-Kirche, um sich einen 80minütigen Zeitzeugenfilm über die Entstehung der Gartenstadt anzuschauen. Es war schon fast beängstigend, wie mucksmäuschenstill es über diese lange Zeit auf den zum Glück leicht gepolsterten Bänken der Kirche gewesen ist. Noch nicht einmal den kleinsten November-Husten hörte man, alle waren gebannt von den Erzählungen der Zeitzeugen.

Auch wenn das Durchschnittsalter an diesem Abend deutlich über 60 war, so wurde doch vielerseits der Wunsch laut, dass auch jüngere Menschen, die Kinder und Enkel der gestrigen Gäste, diesen Film sehen sollten, den Raimund Vollmer „gedreht“ hat. Hier die Beschreibung des Films

Ein Traum in einem Traum

Orschel-Hagen – Zeitzeugen erzählen aus den Anfängen der Gartenstadt

„Grün, grün, grün“ – drei Worte, die eigentlich schon alles sagen, was man über Orschel-Hagen wissen muss. Ganz am Anfang eines Films über die Gründerjahre der Gartenstadt sagt Siegfried Bastian diese drei alles umfassenden Zauberworte, hinter denen sich jedoch die unterschiedlichsten Schicksale verbergen. Orschel-Hagen ist voller Einzel-Geschichten. Zu hören und zu sehen am Sonntag, 10. November 2019, 18.00 Uhr in der katholischen Kirche Sankt-Andreas, die unter anderem auch damit ihr 50jähriges Bestehen feiert. Autor ist der Journalist Raimund Vollmer. Eintritt frei.

Die einen – ihr Name sei Thomas Draxler oder Bettina Hartmann – nennen sich Ur-Orschel-Hagener: Kindergarten, Schule, Kirche, Jugendzeit. Die anderen haben erst als Erwachsene ihre Heimat hier gefunden, kamen „berufsbedingt“ hierher wie zum Beispiel die Familie Göttler oder Fetzer. Sie erwarben Grundeigentum. Wiederum andere leben wie Siegfried Bastian seit einem halben Jahrhundert in derselben GWG-Etagenwohnung zur Miete. Er würde sein Zuhause niemals gegen ein Eigenheim tauschen. Er ist Vertriebener, der einfach nur bleiben will. Dieses Schicksal teilt er mit vielen anderen in Orschel-Hagen. Vertreibung ist auch der Hintergrund der Familie Pauler, die zwar hier nicht wohnt, aber 1966 ein Textil- und Modegeschäft im Einkaufszentrum eröffnete. Ein echtes „Startup“ damals. Und da ist Robert Trost, der als leitender Angestellter der GWG einige Jahre hier lebte und sogar den siebten Bauabschnitt managte. Ob im Hochhaus oder im Eigenheim, ob zur Miete in einem Mehrfamilienhaus oder als Ladengeschäft – die Menschen in der Gartenstadt eint seit mehr als einem halben Jahrhundert das überall gegenwärtige Grün – und inzwischen die endlosen Ketten an parkenden Autos.

Auch wenn die in diesem einstündigen Film portraitierten  Menschen nur einen Ausschnitt aus dem prallen Leben der 1960 gegründeten Gartenstadt Orschel-Hagen widergeben, so zeigen sie dennoch in ihren Erinnerungen und Kommentierungen, wie viel Vitalität nach wie vor in diesem künstlich angelegten Ortsteil Reutlingens steckt. „Es ist die Vielfalt der Schicksale, die die Menschen hier eint“, meint Pfarrer Dietmar Hermann, der gemeinsam mit dem Kirchengemeinderat von Sankt Andreas das Filmprojekt unterstützte. Er ist selbst seit bald fünf Jahren hier als Nachfolger von Richard Kappler, der die Gemeinde fast sein ganzes Leben lang leitete. Gebhard Fetzer erzählt vom Bau der Kirche, deren Entstehen er fotografisch festhielt. Robert Trost berichtet, welches Konzept die Stadt Reutlingen mit Orschel-Hagen verfolgte. Inge und Manfred Göttler zeigen uns, wie sie und ihre Kinder zu einer Eigentumswohnung im Hochhaus Brandenburg kamen. Bettina Hartmann und Thomas Draxler führen uns zurück in Kindheit und Jugend der sechziger und siebziger Jahre. Und welche Situationen Vertriebene meistern mussten, um ihren Lebensweg zu finden, das hören wir aus den Erzählungen von Siegfried Bastian und Christa Pauler. Orschel-Hagen war oder ist für diese Menschen immer noch Lebensmittelpunkt – sei es als Arbeit, als Familie, als Freizeit, als Glaube – als Erinnerung. Und dann kommen die kleinen Anekdoten.

Dass die evangelische Kirchengemeinde Jubilate anfangs ihre Glocken für Sankt Andreas läuten ließ, dass in dem Einkaufszentrum nur Gründer, keine Filialbetriebe, geduldet wurden, dass sich Kindheit und Jugend hier nach Herzenslust austoben ließ, dass man hier sogar wegen zu viel Ruhe nachts nicht schlafen konnte, und, und, und – eine Alltags-Erinnerung nach der anderen lassen die Akteure dieses Films auffahren. Auch wenn sich noch viel, viel mehr über Orschel-Hagen erzählen lässt, die Geschichten der Menschen wirken fast wie ein Traum. Es ist eine Rückblende in eine Zeit, in der niemand hier auf den Gedanken kam, dass er auf dem falschen Weg sei. Vielleicht holten sie ihre Kraft aus dem Grün dieser Gartenstadt, die mehr Garten als Stadt ist, irgendwie ein Traum in einem Traum.