Heiliger Gebhard von Konstanz

Heiliger Gebhard von Konstanz. Ein Heiliger unserer Heimat

Quelle: Lutz, Gebhard: Ein Heiliger unserer Heimat. Katholisches Gemeindezentrum St. Gebhard Mittelstadt. Herausgegeben von der katholischen Kirchengemeinde Neckartenzlingen anlässlich der Einweihung des Gemeindezentrums St. Gebhard in Mittelstadt am 10. April 1976. Neckartenzlingen 1976. Satz und Druck: Senner-Druck, Nürtingen.

Eine Kirche hat einen Titel. Dieser Titel ist zur Unterscheidung der Kirchen

Die Kirche hier und die Kirche dort sollen durch einen Namen unterschieden sein. Und für diese Unterscheidung ist seit Beginn des Kirchenbaus üblich: Heilige der Kirche oder besondere Geheimnisse des Glaubens. Eine Kirche „Christuskirche“ zu nennen, entspricht nicht ganz dieser Auffassung, denn: es ist klar: jede Kirche hat als Herrn des Hauses Jesus, den Christus. Und sie ist das Haus des Volkes Gottes, der Gemeinde Jesu. Dies wird also bei einer christlichen Kirche vorausgesetzt.

Zur Unterscheidung der Kirchen nehmen wir dann besondere Namen, besondere Heilige oder besondere Glaubens-Aspekte. Der Titelheilige oder das besondere Glaubensgeheimnis können eine besondere Prägung im Gemeindeleben anzeigen, eine besondere Tönung im Programm einer Gemeinde.

In den verschiedenen Jahrhunderten hatten verschiedene Heilige als Patrone von Kirchen ihren Mode-Trend. So sind in der Siedlungszeit der Franken möglichst alle Kirchen dem heiligen Martin geweiht worden – unsere ganze nächste Umgebung ist lückenlos mit Martinskirchen besetzt, auch Mittelstadt. In den Zwanziger-Jahren unseres Jahrhunderts waren die Herz-Jesu-Kirchen und die Christkönigskirchen in Schwung. In der ganz großen Kirchenbauzeit ab dem Jahr 1950 stehen auf der Hit-Liste der Kirchenpatrone vorn: St. Paulus – und dieser mit Recht – und – mindestens hier in Süddeutschland – der heilige Klaus von der Flüe, der Schweizer Heilige. Dies letzteres ist etwas verwunderlich.

Bei der Titelsuche für unser neues katholisches Gemeindezentrum Mittelstadt haben wir zunächst recherchiert nach den Heimat-Kirchentiteln unserer größten Heimatvertriebenengruppen in Mittelstadt, also unserer Gemeindeangehörigen von Gajdobra (Batschka) und von Danzig. Wir konnten aber diese Titel nicht übernehmen, denn in Gajdobra war eine St.-Martinskirche (wie die evangelische Kirche in Mittelstadt), in Danzig-Oliva ist eine Marienkirche – wie unsere Kirche in Neckartailfingen. Also kamen wir nach vielen Überlegungen auf die Idee: ein „noch nicht benützter“ Heiliger unseres Landes könnte aus dem Dunkel gezogen werden, ein Heiliger mit einem schönen Namen: Sankt Gebhard, der heilige Bischof von Konstanz.

Ein zweifelhafter Heiliger?

Wenn man weiß, daß der heilige Gebhard, Bischof von Konstanz, ein Diözesanbischof unseres Gebietes war – wenn auch vom früheren und viel bedeutenderen Bischofssitz Konstanz – wenn man weiß, daß seine heiligen Stätten von unserer Diözese im Heiligen Jahr 1975 zur Wallfahrt empfohlen wurden – dann kann man sich mit Recht fragen: Warum ist dieser Heilige noch nirgendwo in unserer Diözese Titelträger einer Kirche? (Dies ist er außer in seinem Geburtsheiligtum auf dem Gebhardsberg bis jetzt nur für die neue St.-Gebhardskirche Konstanz-Petershausen und für die große neue St.-Gebhardskirche in Bregenz.) Also: Es ist ein Stück verwunderlich, daß dieser Diözesanbischof in unserer Diözese noch nicht Kirchenpatron ist. Ist es nur damit zu erklären, daß noch niemand für ihn einen Verehrungs-Trend errichtet hat?

Auf den zweiten Blick könnte man allerdings eine weitere Erklärung finden: dieser Heilige lebte im 10. Jahrhundert, in einem wilden und noch sehr kulturlosen Jahrhundert, und wir haben aus seiner Lebenszeit keine einzige schriftliche Urkunde – erst 150 Jahre später wurde in schriftlichen Dokumenten sein Leben niedergeschrieben. Außerdem stellen wir auf der Suche nach diesem Heiligen fest: er ist nicht einmal vom Papst kanonisiert worden, also in den Heiligenkalender aufgenommen worden, sondern nur von einem seiner Nachfolger, einem Bischof von Konstanz im Jahre 1134. Dies wäre bei den Heiligen des 2. christlichen Jahrhunderts nicht mehr gegangen.

Da wir also über den heiligen Gebhard, in der Bischofsliste von Konstanz Gebhard II., nur nachträgliche Urkunden haben, und eine für unsere Begriffe sehr rasche Heiligsprechung, könnte man sagen: ob er für heutige Normen den numerus clausus in den Heiligenkalender geschafft hätte, ist nicht sicher.

Aus dem Leben des heiligen Gebhard

Am 7. August 949, in der Burg oberhalb Bregenz, ist er als Sohn des Grafen Ulrich von Bregenz geboren. Bei seiner Geburt, die einen Kaiserschnitt erforderte, starb seine Mutter. Deshalb gilt der Heilige seit tausend Jahren auch als Fürsprecher für schwierige Geburten, und nicht wenige Träger des Namens Gebhard haben nur deshalb diesen Namen, weil ihre Eltern den Heiligen hinsichtlich der Geburt als Fürsprecher anriefen.

Gebhard ging an die einzig mögliche gute Schule (Grundschule bis Hochschule): an die Domschule in Konstanz. Der Bischof, der diese Schule leitete, Konrad, muß ein Mann mit großer Wirkung gewesen sein. Er wurde ebenfalls, also vor Gebhard, heilig gesprochen. Der Bregenzer Grafensohn wurde Priester. Nach dem Tod Konrads und seines Nachfolgers wurde er Bischof der großen und einflußreichen Diözese Konstanz. Bischof konnte man damals natürlich nur als Adliger werden – Gebhard brachte die nötige Herkunft mit sich.

Als Bischof förderte er nach Kräften seine Domschule – und vom Himmel her kann er heute die große Genugtuung haben, daß Konstanz wieder ein hervorragender Ort der Bildung geworden ist, denn das Land Baden-Württemberg hat vor einigen Jahren dort eine neue Universität gegründet. Die Überlieferung sagt von Gebhard weiter: er förderte den Aufbau vieler Pfarreien und Kirchen. Ganz vergessen war er auf die Gründung eines neuen Benediktinerklosters in der Nähe von Konstanz, nämlich in Petershausen. Dies setzte er mit seinem ererbten Familienvermögen durch. Vermuten kann man, daß ihm dieses neue Benediktinerkloster in der Nähe – obwohl in 10 Kilometer Entfernung die allerberühmtesten Benediktinerklöster auf der Reichenau schon standen – daß ihm dieses Kloster wichtig war, um in den Benediktinern Lehrer für seine Domschule zu haben. Am 27. August 996 starb der Heilige. Gemäß seinem Testament wurde er nicht in der Domkirche zu Konstanz, sondern in seiner Klostergründung Petershausen zur Ruhe gebettet.

Die Verehrung des Heiligen muß bald begonnen haben. Als die Benediktiner von Petershausen im Jahre 1134 eine neue, größere, klassisch-romanische Kirche bauten, erhoben sie die Gebeine des Heiligen, also seinen Sarkophag, aus der Gruft in den Kirchenraum zur Verehrung. Der Bischof von Konstanz anerkannte diese Erhebung als „Heiligsprechung“. Einige kleine Teile seiner Gebeine wurden gleich bei dieser Gelegenheit in umliegende Klöster, besonders nach St. Gallen, gegeben – gemäß dem damaligen Reliquien-Kult. Ständig kamen nun Beter an sein Grab. Rund um den Bodensee herum entstanden im Laufe der Jahrhunderte aus Stein und auf Leinwand Darstellungen des Heiligen. Die ältesten und wertvollsten Gebhards-Bilder, die vorhanden sind: eine Steinskulptur, vom Klosterportal der Petershauser Klosterkirche aus dem 12. Jahrhundert – sie ist jetzt im Badischen Museum in Karlsruhe – und ein Bild des Heiligen auf einem Altarflügel, gemalt vom berühmten „Meister von Meßkirch“ etwa um 1500, jetzt in der fürstlichen Galerie in Donaueschingen. Daß der Heilige in lebendiger Verehrung blieb, dafür ist gerade ein deutlicher Beweis: im Jahre 1530 gingen die Bilderstürmer der Reformation gegen die sicher etwas einseitige und übertriebene Heiligenverehrung auch in Konstanz vor. Sie rissen den Steinsarkophag des Heiligen in Petershausen auf und bereiteten demselben ein spätes Seemannsgrab – d. h. sie warfen seine Gebeine ohne Federlesens in den Bodensee.

Bis zur Säkularisation, also bis nach 1803, blieb aber die Klosterkirche in Petershausen das Zentrum der St.-Gebhards-Verehrung. Übrigens entstanden im späten Mittelalter eigene St.-Gebhards-Messen und sogar eigene Sequenzen (lateinische Lieder) über St. Gebhard. Als Napoleon im Jahre 1803 die ganze Landkarte Europas in seiner kurzen Machtfülle neu einteilte, wurden alle die vielen Klöster Süddeutschlands aufgelöst, auch Petershausen. Außerdem wurde das historische Bistum Konstanz aufgelöst und aufgeteilt in die neugegründeten Bistümer Freiburg (für Baden) und Rottenburg (für Württemberg) und St. Gallen (der Schweizer Anteil) und auf die alten Bistümer Augsburg und Brixen. Die Klosterkirche Petershausen wurde 1821 abgebrochen. Das Kloster selbst wurde eine Kaserne – es ist im Augenblick Kaserne für französisches Militär. Nach dem Ende des Klosters Petershausen stand ein neues Zentrum der St.-Gebhard-Verehrung schon bereit: auf der alten Burg über Bregenz war in den Ruinen der Burg 1723 die kleine St.-Gebhards-Kirche neu gebaut worden. Dorthin kamen auch die vorhandenen kleinen Reliquien aus den schweizerischen Klöstern. Die Gebhards-Kirche, am Geburtsort des Heiligen weithin zu sehen auf dem Gebhards-Berg, ist also jetzt das Zentrum der Wallfahrer, Verehrer und Beter. Die Wallfahrt wurde noch etwas angenehmer, als in der Burg außerdem ein sehr schönes Restaurant eingerichtet wurde. Der Burghof wird auch kulturell benützt: als wir im Sommer des letzten Jahres eine Senioren-Wallfahrt auf den Gebhards-Berg machten, war der Burghof gerade für ein Jazz-Konzert hergerichtet. Am 27. August, am Todestag des Heiligen, ist immer der große Wallfahrtstag auf dem Gebhards-Berg.

Welche Bedeutung für uns hat dieser Heilige?

Gesichtszüge und Charakterzüge dieses Kirchenmannes aus dem 10. Jahrhundert sind für uns nicht mehr feststellbar. Was die Frömmigkeit des hohen und späten Mittelalters um ihn an Legenden rankt, rührt uns auch nicht besonders an. Dennoch, so meinen wir, hat dieser Heilige Aktuelles: er verbindet die alemannischen Länder: Baden und Württemberg, das nun wieder ein gemeinsames Bundesland ist, und die historisch gewichtige Stadt Konstanz wieder aus dem Dornröschenschlaf zur Universitätsstadt erweckt hat – und außerdem vor allem Vorarlberg – und die übrigen Bodenseeanrainer. Zu Tausenden fahren die Menschen aus Württemberg und Baden und aus dem bayrischen Schwaben im Sommer und im Winter unter dem Gebhards-Berg vorbei in die Vorarlberger Berge und Dörfer zum Sommer- und Winterurlaub. Unsere Kirchengemeinde etwa organisiert in jedem Winter mindestens drei Mal Ski-Freizeiten für Jugend und Familien im schönen Vorarlberg. Und unter den ebenso sportlichen wie freundlichen und sympathischen Vorarlberger Ski-Lehrern ist immer wieder einer mit dem Namen Gebhard. Da ist es doch gut, daß wir der verbindenden Geschichte und der verbindenden Glaubensmänner als Symbol der Gemeinschaft gedenken und diese neue Verbindung der alemannischen Länder auch als Glaubensverbindung sehen.

Ein Hinweis auf tausend Jahre Lebendigkeit des Christentums in unserer Heimat ist dieser Heilige. Wenn der christliche Glauben solange und so tief Menschen geprägt und bereichert hat – dann kann er dies wohl auch in der Zukunft.

Ein Mann des Aufbauens ist der Heilige Gebhard. Kritisch könnte man sagen: vielleicht ein naiver Kirchenbauer, Klosterbauer und Gemeinde-Erbauer und Schulbauer. Wir wissen sehr gut, daß mit dem Erbauen von Kirchen und Gemeinde-Zentren der Glaube in den Herzen der Menschen noch nicht sitzt. Dieser gefährdete Glaube, der ein Werk des Geistes ist, kann auch mit dem Organisieren und Einteilen neuer Gemeinden allein nicht weit vorangebracht werden. In jedes einzelne Menschen Hirn und Herz muß der Glaube errungen werden. Aber: sammeln, statt in der Einsamkeit lassen; Glauben und Gemeinschaft gleichzeitig bauen; Zellen sammeln, deren Glieder miteinander Lasten und Leben tragen – dies ist besser, als in der Resignation bleiben und in der Resignation andere lassen. Wenn wir dieses geistige Bauen zusammen mit dem Bau eines Gemeindezentrums zustande bringen – und dies wollen wir – dann lassen wir uns gerne zusammen mit dem heiligen Gebhard naive Kirchenbauer nennen. Wir wollen Gemeinschaft und Glauben und Hoffnung aufbauen im Sinn des Prophetenwortes (das unser Bischof im diesjährigen Fastenhirtenbrief als Thema genannt hat): „Laß die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte.“ (Zef 3,16f)

Glanz und Hinfälligkeit des Kirchenbauens zeigen sich an der Lieblingsgründung St. Gebhards, am Kloster Petershausen. Das Kloster wurde aufgelöst; die Kirche abgebrochen. Aber zuvor haben Kirche und Kloster 900 Jahre lang dem Glauben und der Gemeinschaft gedient. Wenn unser neues Gemeindezentrum auch so lange diesen Dienst erfüllt vom Geist, tut, dann wollen wir zufrieden sein. Der Patron St. Gebhard möge uns dazu beistehen!