Neue Rubrik in Kreuz und Quer: Menschen unserer Gemeinde. Unsere Gemeinde lebt von Menschen, die sich mit Zeit, Herz und Ideen einbringen. Oft geschieht dieses Engagement ganz selbstverständlich – und gerade deshalb bleibt vieles im Hintergrund. Mit dieser Ausgabe beginnen wir in „Kreuz und Quer“ eine neue Rubrik: Wir stellen Menschen vor, die unsere Gemeinde prägen und tragen. Ehrenamtliche, Organisatorinnen und Organisatoren, stille Helferinnen und Helfer – Menschen, ohne die vieles nicht möglich wäre. Raimund Vollmer spricht mit ihnen von Mensch zu Mensch über Glauben, Lebenswege und Motivation.
Sie ist auf souveräne Weise gläubig, aber nicht „sehr fromm“. Warum auch? Sie glaubt fest, aber sie betet selten. Sie geht auch nicht regelmäßig in die Sonntagsmesse. Im Beichtstuhl war sie zuletzt vor vierzig Jahren. Und doch ist sie mit Leib und Seele dabei. Im Ehrenamt. Sie betreut den Seniorenkreis der Gemeinde Sankt Franziskus in Pliezhausen: Ingelore Müller (70) gehört zu den Menschen, die die christlichen Kirchen dringend brauchen, um vor allem wieder an sich selbst zu glauben. Denn es sind ja genau diese Gläubigen, die die Kirchen jedes Jahr millionenfach als Mitglieder verlieren. Menschen wie du und ich. Wir ahnen: Der Glaube bindet nicht mehr. Manchmal liegt es auch daran, dass der Glaube in der Vergangenheit Menschen wie du und ich zu stark gebunden hatte.
Ingelore Müller ist im Schwarzwald in einer strengkatholischen Familie aufgewachsen – und das in einer Zeit, als in ihren Jugendjahren eine ganze Generation, ihre Generation, weltweit der Kirche mit zunehmender Skepsis gegenüberstand, ja, gegen sie rebellierte. Enthüllungen über institutionelles und individuelles Versagen, historisch und aktuell – wir nehmen und nahmen es nicht nur zur Kenntnis. Sie ist trotzdem in der Kirche geblieben. 1984 wurde sie in Sankt Andreas getraut, obwohl ihr Mann, Detlef Müller, doch evangelisch war. Für Pfarrer Richard Kappler (1938-2018) war das kein großes Problem – zumal die künftigen Kinder katholisch erzogen werden sollten. So kam es. Drei Kinder (1986, 198, 1992) wurden es, zwei Söhne, die sich als Ministranten engagierten, und eine Tochter, die sechs Jahre lang ebenfalls Ministrantin war, wirkte anschließend als Jugendleiterin.
Ihren Mann hatte Ingelore 1981 im Kongo (damals noch Zaire) kennengelernt. Sie, die nach dem Abitur Fremdsprachenkorrespondentin lernte, hatte in Villingen-Schwenningen das Aus von zwei Uhrenherstellern hinnehmen müssen. Aber in Reutlingen bei der Firma Danzer fand sie einen neuen Job. Zu ihren Aufgaben gehörte es, einmal im Jahr in der Niederlassung im Kongo die Ferienvertretung zu übernehmen. Da ihr Mann ebenfalls im Holzgeschäft, Handel mit Furnierholz, tätig war, kam es dort zu einer Begegnung. Er war im väterlichen Betrieb in Echterdingen, den er dann auch später übernahm und bis 2024 leitete.
Es war ein sehr bürgerliches Umfeld. Sehr normal. Aber ihren christlichen, katholischen Hintergrund vergaß Ingelore nie. Kirche musste sein. Auf ihre Art. Über das Soziale. Einmal im Monat, an einem Donnerstag, trifft sie sich mit Menschen aus Walddorfhäslach, Mittelstadt, Pliezhausen und Sankt Andreas zum Seniorenkreis. Zwischen 80 und 90 Jahre alt sind die Gäste. Kaffee und Kuchen, Spiele, aber auch Vorträge wie zum Beispiel jüngst über Betrugsmaschen wie den Enkeltrick erzeugen hohe Resonanz. Vor allem aber ist es das gemeinsame Singen, das die Menschen zusammenbringt. Denn darauf kommt es an: die Begegnung von Mensch zu Mensch. Hervorzuheben sind da übrigens auch zwei aktuelle Termine: die beiden Nachmittage im Café Kulturpark in Rappertshofen, am 18. Juni und am 15. Oktober. Deshalb ist sie auch im Festausschuss-Team, das zum Beispiel mithilft, den Fronleichnamszug (6.Juni 2026) vorzubereiten. Wenn es um die jährliche Organisation des Weltgebetstages geht, an ihrem Wohnort in Pliezhausen, dann ist sie ebenfalls mit vollem Herzen dabei.
Bei alledem, was Ingelore Müller und all die Menschen im Ehrenamt tun, geschieht etwas, was auf urchristliche Weise den Glauben bindet. Er bindet dich und mich.
Raimund Vollmer

