Katholische vietnamesische Gemeinde feiert traditionelles Neujahrsfest in St. Andreas
In Bananenblättern eingewickeltes Reisbrot vor dem Altar in St.  Andreas in Orschel-Hagen, ein Blütenbaum aus Plastik als Symbol des Frühlings, daran Segenssprüchen aus der Bibel: Mit einem katholischen Gottesdienst und traditionellen Bräuchen im Gemeindesaal feierte die muttersprachliche Gemeinde in Reutlingen das vietnamesische Neujahrsfest. Für Thi Ngoc-Phrong Nguyen ist das kein Widerspruch. Der Kirchengemeinderätin von St. Thomas Thien, wie die muttersprachliche Gemeinde offiziell heißt, ist es wichtig, dass traditionelle Elemente aus ihrer Heimat mit dem katholischen Glauben verbunden werden können. Seit mehr als 40 Jahren gibt es die muttersprachliche vietnamesische Gemeinde in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, zu der sieben einzelne Gemeinden, darunter Reutlingen, gehören. Pater Hanh-Huynh Cong, der im Mai 2018 von Norddeutschland ins Schwäbische kam, betreut rund tausend Gläubige in seiner Muttersprache. Gerade jetzt ist er viel unterwegs. Weil das Neujahrsfest zu den wichtigsten Festen in der vietnamesischen Tradition gehört, wird es auch gehörig gefeiert. In Bodelshausen hat es die Gesamtgemeinde am vergangenen Wochenende begangen, jetzt folgen die Feiern der Einzelgemeinden – natürlich mit ihrem Pater.

Im Gemeindesaal in Orschel-Hagen beginnt die Feier mit der deutschen und der südvietnamesischen Hymne. „So möchten wir unsere Dankbarkeit zeigen“, erklärt Thi Anh-Dung Nguyen, die seit Jahren in der Gemeinde aktiv ist, die offizielle Zeremonie „Dank an Deutschland, dass es uns aufgenommen hat und dank an die Soldaten, die für uns in Südvietnam gekämpft haben.“ Viele der Menschen im Saal oder ihre Familienangehörige sind als sogenannte Boat People in den siebziger und achtziger Jahren vor dem kommunistischen Regime nach der Niederlage Südvietnams geflohen und haben in Deutschland Zuflucht gefunden. „Wir beten aber auch für die Menschen, die es nicht geschafft haben und umgekommen sind“, ergänzt Nguyen. Den katholischen Glauben sieht sie als wichtigen Weg an, sich in Deutschland zu integrieren. Weil die muttersprachlichen Gottesdienste nur alle vier Wochen stattfinden, besuchten sie auch die deutschen Messen. „Wir treffen die deutschen Mitchristen und packen bei Gemeindefesten mit an“, berichtet die Mutter dreier Kinder, die auch schon im Kirchengemeinderat der katholischen Gemeinde in St. Andreas war und im Chor mitgesungen hat. An diesem Abend sind die Vietnamesen eher unter sich. Dennoch möchten sie ihre Verbundenheit zeigen und mit dem Erlös des Festes den Bau des neuen Gemeindesaals unterstützen.

Vietnamesen anderer Glaubensrichtungen haben indes den Weg nach Orschel-Hagen gefunden – der köstlichen kulinarischen Spezialitäten wegen und vor allem wegen des Löwentanzes. Unter Trommelschlägen zieht die überdimensionale Löwenfigur durch den Saal und frisst die Geldscheine, die ihm angeboten werden. „Das soll Glück bringen.“ Genauso wie die vielen Lieder, die an diesem Abend gesungen werden. Dass nun das „Jahr des Schweins“ beginnt, das wohlverdiente Ruhe und Weisheit bringen soll, wie in den zahlreichen chinesischen Horoskopen im Internet nachzulesen ist, spielt für Thi Anh-Dung Nguyen keine Rolle:  „Wir danken Gott für das vergangene Jahr und bitten um Gottes Segen für das kommende.“

Nationalhymnen: Danken und Gedenken zur offiziellen Zeremonie am Beginn des Festes. Nach der deutschen Nationalhymne wird die südvietnamesische Hymne gesungen, der Text und die Noten dazu stecken in Heften mit Umschlägen in den südvietnamesischen Farben.

Blütenbaum in der Kirche: Weil es in Deutschland zu dieser Jahreszeit keine Kirschblüten wie im vietnamesischen Frühling gibt, muss ein Plastikbäumchen als Ersatz herhalten. Dennoch ist es ein beliebtes Fotomotiv, hier mit Pater Hanh-Huynh Cong in der Mitte. Bestückt ist das Bäumchen mit Segenswünschen aus der Bibel.

Geldfüttern 1 und 2: Dem hungrigen Löwen wird Futter in Form von Geldscheinen angeboten – damit er Glück bringt. Geld spielt beim Neujahrsfest eine große Rolle. Vor allem Kinder dürfen sich über Geldgeschenke freuen. Wichtige Voraussetzung: Die Scheine müssen druckfrisch sein.