„Alles, was im Leben vorkommen kann“

Psychologische Beratungsstelle hilft Erwachsenen in persönlichen Krisen
Die Papiertaschentücher auf dem Tisch liegen griffbereit – falls die Tränen kommen. Und diese fließen oft bei Gesprächen in der Gartenstraße 17. Fast 50 Jahre gibt es die psychologische Beratungsstelle auch in Reutlingen, eine von mehreren dieser Art, die von der Diözese Rottenburg-Stuttgart getragen wird. Fünf ausgebildete Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kümmern sich hier um die Sorgen, Ängste und Probleme der Hilfesuchenden. „Zu uns kommen erwachsene Menschen in allen möglichen Lebenskrisen“, erzählt Zrinka Lucic-Vrhovac, die Leiterin der Stelle. Anlass seien oft depressive Zustände, Selbstwertprobleme, Ängste, Krankheiten, Probleme bei der Arbeit, Schicksalsschläge. Sie nennt Beispiele: Studenten unter Leistungsdruck, Paare mit Partnerschaftsproblemen, Menschen im Übergang in das Rentenalter, die Schwierigkeiten mit dem Älterwerden haben, Eltern, die mit ihren erwachsenen Kindern Probleme haben, Migranten mit traumatischen Erfahrungen und Heimweh. Gerade bei diesen Menschen sei ein großes Gesprächsbedürfnis da, wenn sie sich im neuen Land nicht zurechtfinden können. „Viele unterschätzen, was es bedeutet, sich mit der ganzen Familie ein neues Leben in einem anderen Land aufzubauen.“ Die eigenen Vorstellungen seien oft nicht realistisch, die Wirklichkeit dann ein Schock, berichtet Lucic aus ihren Erfahrungen. Sie weiß, wovon sie spricht.
Sie selbst kam vor 27 Jahren als Kriegsflüchtling aus dem ehemaligen Jugoslawien. In Kroatien hatte sie Psychologie studiert. In Deutschland arbeitete sie zunächst als Putzfrau, dann betreute sie Flüchtlinge, die in diözesanen Häusern untergebracht waren – ein Sonderprogramm, das die Diözese damals eingerichtet hatte. Schließlich kam sie zur Beratungsstelle nach Reutlingen. Sie weiß, wie wichtig die deutsche Sprache für die Integration ist, aber auch, dass es nicht einfach ist, sie zu lernen.
Nicht nur um die Sprachbarrieren abzubauen, können die Gespräche auch in Englisch, Kroatisch, Italienisch und Spanisch geführt werden. Es ist ein Angebot, das dem multi-kulturellen Ansatz der Beratungsarbeit entgegenkommt, und das gerne angenommen wird, lassen sich doch Gefühle, Ängste und persönliche Gedanken in der Muttersprache leichter beschreiben.
Die hilfesuchenden Menschen kommen meist aus eigenen Antrieb oder auf Empfehlung von Bekannten, manche werden auch von Ärzten geschickt, um die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken. „Wir beraten und unterstützen die Menschen in einem Orientierungsprozess.“ Das Erstgespräch ist kostenlos, für jeden weiteren Termin wird erwartet, dass die Leute sich an den Kosten beteiligen, ungefähr ein Prozent des Einkommens. „Selbst einen Beitrag zu leisten, ist für unsere Arbeit sehr wichtig“, sagt Zrinka Lucic-Vrhovac. Aber wegen Geldmangel sollte kein Gesprächstermin ausfallen. Die Dauer der Beratung wird individuell mit den Ratsuchenden vereinbart. Im Jahr 2017 wurden 1400 Beratungsstunden abgehalten.
Für Erziehungsproblemen mit Kinder und Jugendlichen ist die Beratungsstelle nicht direkt zuständig, weil es andere Anlaufstellen dafür gibt. Stattdessen kommen viele Paare zu ihnen. Meistens ist es die einzige Alternative. „Die Krankenkasse bezahlt keine Therapie für eine Ehekrise“, sagt die Leiterin. Gerade hier zeige es sich, wie wichtig das Angebot der Kirche ist. Denn sonst könnten sich viele Paare eine Beratung gar nicht leisten. Aber der Bedarf sei groß, so die Diplom-Psychologin. Es seien ungeheure gesellschaftliche Erwartungen, die an eine Partnerschaft gestellt werden. Alles muss funktionieren: der Beruf, die Erziehung der Kinder, die Partnerschaft. „Viele Paare sind einfach damit überfordert.“

Kontakt: Psychologische Beratungsstelle für Familien- und Lebensfragen, Gartenstraße 17, 72764 Reutlingen, Telefon: 07121/334547, E-Mail: info@psych-beratung.de, www.psych-beratung.de