Spring auf und komm mit!“
Unter diesem Slogan auf einem lustigen Cartoon mit weltoffenen Kindern und einer heranbrausenden Lokomotive hatten die evangelische, evangelisch-methodistische und die katholische Kirchengemeinde Mittelstadt zum diesjährigen ökumenischen Kinderbibeltag aufgerufen und ins evangelische Gemeindehaus eingeladen. Das ähnelte am Samstag tatsächlich einem quirligen Bahnhof, denn 85 Kinder wuselten durcheinander, verabschiedeten sich von den Eltern, suchten geschäftig und in neugieriger Erwartung ihre Bahnsteige bzw. Treffpunkte, wo sie mit Namensschildern etikettiert und willkommen geheißen wurden. Dass auch noch jedes Kind für ein Porträtfoto vor einen schwarzen Vorhang gestellt wurde, erhöhte natürlich Spannung, Aufregung und das Hin- und Hergerenne beträchtlich. Aber pünktlich um 10 Uhr rief eine Lautsprecherdurchsage alle in den großen Gemeindesaal, wo sich binnen kürzester Zeit das unübersichtliche Durcheinander zu geordneten Sitzgruppen formierte und Pfarrerin Gerlinde Henrichsmeyer das magische Mundschloss durch dreimaliges sorgfältiges Herumdrehen des Schlüssels so fest verschloss, dass es mucksmäuschenstill wurde.

Der ökumenische Kinderbibelzug startete in einen fröhlichen, ereignisreichen Tag.
Sinn und Ziel des Tages stellte eine kleine Theatergruppe szenisch vor: junge Leute hielten ein dickes Buch in den Händen und rätselten über den alten Bildern, von denen eines ihnen als lebendiger Petrus erschien und erklärte, dass dieses Buch von den Menschen handelte, die seit 2000 Jahren auf den Jesus-Zug aufgesprungen waren oder anders ausgedrückt, die der Aufforderung Jesu gefolgt waren, sich von Gott durch das Leben leiten zu lassen, Gutes zu tun und dafür einzutreten, dass alle Menschen in Frieden miteinander auskommen können.In Workshops lernten die Kinder Persönlichkeiten kennen, die auf ganz unterschiedliche Weise die Nachfolge Jesu ernst genommen hatten: Elisabeth von Thüringen, die ihr Leben den Armen, Kranken und Aussätzigen widmete;
Martin Luther, der sich für Freiheit und Gleichheit aller Christenmenschen einsetzte, der Bildung für alle forderte, die Bibel ins Deutsche übersetzte und den Ablasshandel verurteilte;
John Wesley, der die Überzeugung vertrat, dass Gottes Gnade allen Menschen gehört, unabhängig von Herkunft, Reichtum oder anderen Bedingungen;
Mutter Teresa, die sich ganz und gar der Hilfe von Obdachlosen, Armen, Kranken und Sterbenden gewidmet hat;
Elsa Elsässer, die Pfarrersfrau aus Mittelstadt, die unter Lebensgefahr ein jüdisches Ehepaar beherbergte;
Hendrik Mertens, der sein Freiwilliges soziales Jahr in einer christlichen Internatsschule im Senegal leistete, dort fremden Kindern beistand, an ihrem Leben teilnahm und selbst viele Eindrücke sammelte.
Die Kinder lauschten gespannt den Berichten über das Leben und Wirken dieser Menschen, ließen sich Fragen beantworten und machten eigene Erfahrungen beim Basteln, Backen, Malen, Dekodieren oder anderen Tätigkeiten. Als Andenken erhielten sie ein Freundschaftsband oder ein leuchtendes Armband oder ein Lesezeichen. Schließlich füllten sie ihr eigenes Kinderbibelbuch mit Bildern und Fotos der besprochenen Persönlichkeiten und klebten auf die allerletzte Seite ihr eigenes Foto, das sie natürlich mit vielen lustigen Kommentaren, Erklärungen, Bewunderungen oder kritischen Anmerkungen betrachteten. Aber der Stolz, nun auch zu den wichtigen Jesus-Nachfolgern zu gehören, war unverkennbar.
Natürlich wurde an diesem Tag auch gesungen, gebetet, gespielt, gegessen und getrunken, gelacht, geschrien und herumgerannt, nur eines gab es nicht: Streit, einen Unfall oder ein Missgeschick. Gott sei Dank.
So konnten die fast 40 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Betreuer und Betreuerinnen, Organisatoren und Verantwortliche zu Recht erleichtert aufatmen, als sich die ganze quicklebendige Kinderschar auf den Heimweg gemacht hatte. Wer aber glaubte, dass nun ein einstimmiger Lobgesang über das Gelungene und Geleistete angestimmt wurde, der musste mit Erstaunen hören, dass in der Feedback-Runde vor allem konstruktive Kritik geäußert wurde, worauf in Zukunft zu achten sei, dass weniger mitunter mehr sei, dass die Zeit immer schneller davonlaufe als geplant und dass es ganz schön anstrengend sei, sich auf die unterschiedlichsten Erwartungen und Fähigkeiten der Kinder einzustellen. Anstrengend, ja, aber eben auch schön; Spaß habe es gemacht, neue Erfahrungen konnte man machen und zufrieden sein, trotz allem. Es sei gelungen, wichtige Werte zu vermitteln und sie überall spürbar werden zu lassen. Der Samen, der an solch einem Tag ausgestreut werde, der werde irgendwie aufgehen und wachsen und Früchte tragen, das war die gemeinsame Gewissheit.
Der eigentliche Abschluss des Kinderbibeltages wurde am Sonntag mit einem ökumenischen Gottesdienst gefeiert, der von vielen Erwachsenen und Kindern gemeinsam und eindrucksvoll gestaltet wurde. Bis zur offiziellen Begrüßung ließen Doris und Rudolf Kütterer eine Diaschau laufen, die schlaglichtartige Szenen vom Vortag aus dem Gemeindehaus aufleben ließ und auch denen, die nicht dabei waren, einen bunten Eindruck verschafften. Pastorin Monika Brenner von der Evangelisch-methodistischen Kirche brachte in ihrer Ansprache das Anliegen des Kinderbibeltages auf den Punkt, nämlich, die Liebe Gottes zum Zentrum des Lebens werden zu lassen und als Liebe von Mensch zu Mensch weiter zu geben. In Liedern und Gebeten wurde viel Dankbarkeit und Freude zum Ausdruck gebracht, ebenso wie Bitten und Wünsche, allen voran, den Frieden zu bewahren und uns Menschen Mut und Kraft und Klugheit zu schenken, damit wir unserer Verantwortung gerecht werden können.
Pfarrerin Henrichsmeyer sprach zum Schluss aus, was vielen Gottesdienstbesuchern am Herzen lag, nämlich, allen Beteiligten mit kräftigem Händedruck oder freundschaftlicher Umarmung zu danken. Hätte sie alle ehrenamtlichen Leistungen und Einsätze, die kreativen wie die technischen, die pädagogischen und organisatorischen, die musikalischen oder verpflegerischen und die vielen unnennbaren Notwendigkeiten aufzählen wollen, hätte sich der Gottesdienst wohl bis in den Nachmittag ausgedehnt. Deshalb sprach sie dem Kernteam, namentlich Doris Kütterer, Gela Gaubartz, Ulrike Heugel, Monika Brenner, Christa Keim und Barbara Wißler, stellvertretend für alle großen und kleinen Helferinnen und Helfer den aller herzlichsten Dank und große Anerkennung aus. Eine angenehme Pflicht der Berichterstattung ist es, auch Gerlinde Henrichsmeyer selbst diesen Dank zu sagen, denn, auch wenn es zu ihrem Job gehört, den ökumenischen Kinderbibeltag mit zu gestalten, sie könnte es so oder so tun, aber sie hat es so getan, dass sie unseren Dank und unsere Wertschätzung verdient.
Mit Gottes Segen verabschiedete sie die ganze Gemeinde in einen sonnigen Sonntag.
Gertraude Ralle