Mit der Gründung des Rats der Religionen am 6. Februar 2020 in Reutlingen erreichte eine 18 Monate dauernde Entwicklung einen ersten Höhepunkt. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften, der Stadtverwaltung und der interessierten Bürgerschaft wurden „Zeuge eines seltenen, außergewöhnlichen Ereignisses“, wie Dr. Markus Weingardt von der Stiftung Weltethos in seinem Festvortrag betonte, bevor die Gründungsurkunde im vollbesetzten Spitalhof feierlich unterzeichnet wurde.
Frieder Leube von der evangelischen Kirche, Moderator des Gesprächskreis der Religionen, führte durch den denkwürdigen Abend. Einen großen Dank richtete er zunächst an die Stadtverwaltung, allen voran Oberbürgermeister Thomas Keck und seine Mitarbeiterinnen Sultan Plümicke und Vera Stokic vom Amt für Integration und Gleichstellung sowie an den Vertreter des Ministeriums für Soziales und Integration Dr. Max Bernlochner und Lena Zoller von der Stiftung Weltethos, die die Gründung des Rats der Religionen im Vorfeld beratend begleitet hatten und gerne für ein Grußwort nach Reutlingen gekommen waren. Dr. Bernlochner gab einen kurzen Überblick über die Entstehung der bisher 12 lokalen Räte der Religionen in Baden-Württemberg und sicherte zu, dass das Ministerium den Reutlingern gerne auch weiterhin beratend zur Seite stehen wird. Lena Zoller zitierte den Gründer der Stiftung Weltethos, Prof. Dr. Hans Küng: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.“ Die Gründung dieser Räte der Religionen sei daher ein Anliegen der Stiftung, da sie sich für ein friedliches und besseres Miteinander in Vielfalt einsetzen und Orte der Begegnung schaffen, „extrem wichtig für Teilhabe und Solidarität gegen die Herausforderung der Globalisierung“.

Die Schaffung konkreter Plattformen für Gespräche, Kennenlernen, gemeinsame Veranstaltungen und Projekte sind auch OB Keck ein Anliegen. In seinem Grußwort dankte er den Beteiligten und freute sich darauf, zukünftig im Rat der Religionen einen Ansprechpartner mit fachlicher Expertise in Religionsfragen zu haben. Er sicherte zu, dass die Stadtverwaltung in religiöser Hinsicht auch weiterhin Neutralität wahren und einen Rahmen für die freie Religionsausübung schaffen wird.

Die Gründung des Rats der Religionen sei jedoch erst der Startpunkt, denn jetzt gehe es richtig los, ermahnte der Referent des Abends, Dr. Weingardt. Der Friedensforscher zeigte anhand von Beispielen verschiedener Religionsvertreter, dass entgegen der medialen Fokussierung auf religiös begründete Kriege und Greueltaten die Religionen durchaus auch als Friedensstifter auftreten würden. Er rief die Anwesenden dazu auf, weiterhin den Dialog zu suchen, denn er bedeutet Begegnung, Austausch und Kennenlernen. Begegnung lebt von Verschiedenheit und macht das Leben interessant. Verschiedenheit kann guttun, ergänzen und bereichern, darum müsse die Stadtgesellschaft jeder Tendenz der Vereinheitlichung mit Kräften und entschieden entgegen treten. Ein Blick in die Natur zeigt schon, dass die Schöpfung eine unglaubliche Vielfalt birgt, in der die Schönheit und Vitalität der Natur liegen. Homogene Monokulturen hingegen sind schädlich für das Ökosystem, und so ist auch Homogenität in der Gesellschaft schädlich.

Deshalb solle sich das „Miteinander“ in ein „Füreinander“ entwickeln: „Treten Sie für einander ein!“, denn ein Brandanschlag auf eine Moschee müsse für die Reutlinger gleichbedeutend sein wie ein Anschlag auf die Marienkirche. Vernehmbar sein in der Stadt, zusammen arbeiten und miteinander reden, dies lasse das Vertrauen zu einander wachsen und so kann der Rat der Religionen ein Segen sein für die Stadt Reutlingen.
Im Hinblick auf die gegenwärtigen politischen Entwicklungen stellte Frieder Leube denn auch die Frage: „Wer weiß, wofür die Räte der Religionen zukünftig noch wichtig werden?“
Bevor die Vertreterinnen und Vertreter der zehn beteiligten Religionsgemeinschaften die Gründungsurkunde feierlich unterschrieben, erklärten sie in kurzen Statements, welche Bedeutung der Rat für sie hat und in wieweit sie in der Stadt sichtbar sind. Wichtig sind ihnen die gemeinsamen Friedensgebete, die Dialoge und das gegenseitige Kennenlernen und Verstehen, die Begegnungen aber auch die Verantwortung für die Stadtgesellschaft, denn „die Kirche kann sich nicht in ihre vier Wände zurückziehen“, so Pfarrer Roland Knäbler von der katholischen Kirche. Berührend war der Wunsch der jüdischen Gemeinde, sich ohne Ängste und Polizeischutz offen zeigen zu können.
Einige kurze Schlaglichter auf die Satzung des Rats der Religionen gab danach Bernhard Bosold von der katholischen Kirche:

Die Ziele des Rats der Religionen:

  • Förderung und Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens der Religionsgemeinschaften untereinander und in der Stadtgesellschaft
  • Einsetzen für die Religionsfreiheit und Unterstützung der freien Religionsausübung

Dazu verpflichten sich die Religionsgemeinschaften zur Einhaltung und Respektierung des Grundgesetzes, der freien Meinungsäußerung und des respektvollen Umgangs untereinander. Sie setzen sich ein für die Prinzipien des Parlaments der Weltreligionen (Gewaltlosigkeit, Solidarität, Toleranz, Gleichberechtigung und Ökologische Verantwortung) und der Antidiskriminierung.

Zu den vielfältigen Aufgaben gehören

  • Ansprechpartner zu sein in Fragen und Anliegen der Religionsgemeinschaften in der Stadt Reutlingen
  • Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Institutionen zur Klärung praktischer Fragen das Zusammenleben der Religionen betreffend
  • Mitwirkung bei öffentlichen Veranstaltungen
  • Gemeinsame öffentliche Stellungnahmen
  • gegenseitige Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten
  • Einsetzen für eine positive Wahrnehmung der religiösen Vielfalt in der Stadt

Die Mitglieder setzen sich zusammen aus Vertreterinnen und Vertretern von zehn Religionsgemeinschaften in Reutlingen, die auch die Gründungsurkunde unterschrieben:

  • Ahmadiyya Muslim Jamaat
  • Internationale islamische Gemeinschaft e.V.
  • Yunus-Emre-Moschee
  • Baha’i-Gemeinde e.V.
  • Israelitische Religionsgemeinschaft
  • Evangelisch-methodistische Kirche
  • Neuapostolische Kirche
  • Katholische Kirche
  • Evangelische Kirche
  • Griechisch-orthodoxe Kirche

Beratende Funktion hat die Stadt Reutlingen, vertreten durch den Oberbürgermeister sowie eine Vertretung des Amts für Integration und Gleichstellung und auch die ACK Reutlingen. Für die Stadtverwaltung unterschrieb daher OB Keck die Urkunde, für die ACK Reutlingen deren Vorsitzender Pfarrer Burgenmeister.

Mit einem Dank für die vielen wertvollen Worte lud Frieder Leube im Anschluss daran zu einem kleinen internationalen Imbiss und weiteren Gesprächen ein.

Quelle: Text Claudia Klatt, Bilder @Stadt Reutlingen.