Katholische Vertreter diskutieren über die Zukunft der Gemeindearbeit in Reutlingen
 „Wie sieht`s aus, Herr Weihbischof?“ Mit der scheinbar provokant gestellten Frage eröffnete Clemens Dietz, gerade neu eingeführter Dekanatsreferent, einen Informationsabend über die Situation und die Zukunft der katholischen Seelsorgeeinheiten auf dem Reutlinger Stadtgebiet.
Weihbischof Matthäus Karrer und Christiane Bundschuh-Schramm von der Abteilung für die pastorale Konzeption im Bischöflichen Ordinariat standen Rede und Antwort. Der Hintergrund des Abends ist die neue pastorale Stellenplanung der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die am 1. September vergangenen Jahres in Kraft getreten ist, und deren Auswirkungen durch Stellenkürzungen in den Gemeinden schon massiv spürbar geworden sind. Eingeladen zu der Veranstaltung mit hauptamtlichen und ehrenamtlichen Vertretern der Kirchengemeinden hatten die drei in der Stadt Reutlingen angesiedelten Seelsorgeeinheiten Reutlingen Mitte/Eningen, Reutlingen Nord und St. Lukas.

Und deren Vertreter machten sich erstmal Luft. Bernhard Bosold (St. Lukas), Thomas Draxler (SE Reutlingen/Nord) und Martin Brauße (SE Reutlingen Mitte/Eningen) berichteten von der Situation vor Ort – über das Zusammenwachsen von Teilgemeinden zu Seelsorgeeinheiten, um das Bemühen, in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen zu werden, über die Vielfalt spiritueller und gemeinschaftlicher Angebote, über das Engagement in der Flüchtlingsarbeit, aber auch über die Fassungslosigkeit angesichts des Vertrauensverlustes durch den Missbrauchsskandal, über manche Ernüchterung im KiamO-Prozess (Kirche am Ort und an anderen Orten), über das Gefühl mangelnder Transparenz und Klarheit für die Zukunft und über die Überforderung der Ehrenamtlichen, die für einige Aufgaben einspringen, wenn pastorale Mitarbeiter fehlten. „Wenn wir volkskirchlich nicht aufgeben wollen oder können, fordert uns das viel Kraft“, so Bosold und stellte die alle betreffenden strategische Zukunftsfrage: „Woher kommen die pastoralen Kräfte?“ Zudem machten die Kirchengemeindevertreter auf eine Besonderheit in Reutlingen aufmerksam. Durch die Einteilung in Seelsorgeeinheiten, die zum Teil über die Stadtgrenzen hinausgehen, wie in Eningen oder Pliezhausen, werde die katholische Kirche in der Stadt als ein ganzes Subjekt mit einer Stimme nicht wahrgenommen. Das sei auch schwierig für die Randgemeinden der Seelsorgeeinheiten, gab Martin Brauße zu bedenken. Bernhard Bosold formulierte es drastischer: „Die Katholische Kirche in Reutlingen gibt es nicht“.
In seiner Antwort machte Weihbischof Karrer zunächst deutlich, dass es keinen Plan für alle gebe. Vielmehr müsse sich die Diözese bei der geforderten gerechten Verteilung des Personals an regionale und lokale Bedürfnisse ausrichten. „Wir haben hier eine maximale pastorale Heterogenität“ betonte Karrer und verwies auf das Stadt-Land-Gefälle. Eine große Rolle für die künftige Personalentwicklung spielten auch die Ergebnisse einer Studie der Freiburger Universität, die im Mai diesen Jahres veröffentlicht wurde und die eine langfristige Projektion der Entwicklung der Kirchenmitglieder und damit zusammenhängend der Höhe der Kirchensteuer aufzeigt. Danach wird die Zahl der Mitglieder in der katholischen Kirche bis 2035 um 20 Prozent zurückgehen. Begründet wird dieses nicht nur demografisch, sondern auch mit den ausgebliebenen Taufen in der Gemeinde und Austritten, vor allem bei den 25 bis 40jährigen. Besonders betroffen von diesem Transformationsprozess seien die Kirchengemeinden, die erst vor rund 50 Jahren als „Heimatgemeinde“ gegründet wurden, so Karrer. Gerade hier müsse ein Umdenken stattfinden und nannte fast ein Credo für die künftige Arbeit in den Gemeinden: „Was ist das Wesentliche, was ist Gestalt und damit veränderbar?“ Was könne weggelassen oder anderen Gemeinden überlassen werden, sagte Karrer auch mit Blick auf mögliches Konkurrenzdenken zwischen den Gemeinden und empfahl mehr Gelassenheit. „Wie können wir Katholiken Menschen das Evangelium in verschiedenen Situationen anbieten?“ betonte auch Bundschuh-Schramm und verwies auf junge Gläubige, die nicht mehr in Gemeindezugehörigkeit dächten. „Wir müssen mehr zulassen, auch an anderen Orten“.
Zulassen sollte die Katholische Kirche nach Meinung einer Kirchengemeinderätin im Publikum aber noch viel mehr: Frauen als Priester, verheiratete Priester mit Familie, die sogenannten Viri probati. „Warum verzichtet die Katholische Kirchen auf diese Marktressourcen, um den pastoralen Engpass zu beheben?“, fragte sie stellvertretend für viele im Raum. Denkbar, so ein Vorschlag, sei auch ein gewählter Priester im Zivilberuf auf Zeit. Weihbischof Matthäus Karrer kennt diese Diskussionen zur Genüge, die seiner Meinung nach für die katholische Kirche in Deutschland existenziell seien. „Die katholische Kirche muss als Weltkirche lernen, unterschiedliche Lösungen zu akzeptieren“.