Der derzeit den Arbeitskreis vertretende katholische Pfarrer Dietmar Hermann würdigte in seiner Einführung vor vollem Haus den Arbeitskreis als Impulsgeber vor Ort und begrüßte den Gastredner, Dr. Herbert Müther, bis 2014 Professor für Theoretische Physik an der Universität Tübingen, der in seinem Vortrag über die Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz das Problem der Digitalisierung unserer Welt sogleich auf den Punkt brachte:

Sind die Menschen noch frei in ihren Entscheidungen, wenn sie aufgrund von Computerdaten entscheiden?

Um sich diesem philosophischen Problem zu nähern, bedurfte es zunächst der Aufklärung über die Grundstrukturen der Datenverarbeitung, wobei es Herrn Müther gelang, die komplexe Materie anschaulich, lebendig und zugleich auf eine für Laien fassbare Weise darzustellen:

Künstliche Intelligenz gibt es z.B. schon, wenn in einer Regentonne Wasser gesammelt wird. Über Daten (Wasser), einen Algorithmus (wenn die Tonne voll ist, einen zusätzlichen Abfluss) kommt man zu einem Ergebnis (optimal gefüllte Regentonne). Der Algorithmus ist schon in der einfachsten Form das, was er auch in der komplexen Form darstellt, ein „selbst lernendes System“. Die Umsetzung allerdings erfolgt zunächst analog, d.h., über ein direktes Signal. Die Digitalisierung bedeutet nur, laut Müther, eine größere Datenmenge und „einfache Prozesse auf digitale Art weiterzuschreiben“.

Das Problem entsteht dann mit der Zunahme der Datenmenge und ihrer Handhabung. Über Computerdaten werden nämlich nicht nur Muster erkannt (Was ist eine Katze? Ist das ein Hautkrebs?), sondern Trends prognostiziert, von denen dann Entscheidungen abhängig gemacht werden (Wohin und wie reisen die meisten Menschen? Ist eine Person kreditwürdig?). Zwar entscheidet letztlich der Mensch, aber aufgrund von Daten, die von Menschen mit all ihren Vorurteilen und ihrem mehr oder weniger beschränkten Kenntnisstand gefüttert werden. Ein einfaches Beispiel nach Müther: Das englische Wort nurse ist geschlechtsneutral, wird im Deutschen aber selbstverständlich als Krankenschwester übersetzt.

Oder die bekannte Dilemma Situation: Ein autonomes Auto hat die Wahl überfährt es ein Kind oder an die Wand und schadet den Insassen. Wer trägt die Verantwortung? Der Programmierer, der Hersteller, der Fahrer oder der Betreiber? Solle die Entscheidung dem Zufall überlassen werden? Das System macht nämlich nur einen Vorschlag, es trifft selber keine Entscheidungen. Entscheiden muss der Mensch.

Oder der Pflegeroboter: Er kann mechanische Hilfe leisten, den Patienten intelligent überwachen, ihn pflegen, ja sogar, ihn unterhalten und betreuen. In Japan sind solche Roboter schon im Einsatz. Ist das alles aber in gleicher Weise wünschenswert?

Von einigen Forschern, z.B. in den USA und in China, werden schon Manipulationen des Gehirns („Gehirndoping“) im Sinne eines „Transhumanismus“ als weitere Stufe in der Evolution des Menschen gesehen.

Angesichts dieser Möglichkeiten wirkte zum Schluss Müthers Rat fast etwas hilflos: „Forschung muss in öffentlichem Rahmen erfolgen, damit wir uns alle einbringen können.“ 

Umrahmt wurde die Veranstaltung durch Musiker der Musikschule. Zu Beginn spielte die Blechbläsergruppe (Franz Wildgruber, Jakob Janotta, Mika Hertle und Lisa Geiger) den „Einzug der Gäste“ aus Wagners „Tannhäuser“, am Ende „The Hippo´s Dance with a walrus“ von Ingo Luis, und Julia Degler spielte auf der Violine ein flottes Allegro aus dem Concerto D-Dur op. 25 von Oscar Rieding. 

Angela Madaus